Dr. Manfred Stoll
Fachgebiet Weinbau
Auf beiden Seiten – Produzenten und Verbrauchern – ist in den letzten Jahrzehnten der Anspruch gewachsen, immer höherwertigere Weine zu produzieren bzw. zu konsumieren. Dies blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Anbaupraxis. Die in der Praxis weit verbreitete intensive Entblätterung der Traubenzone zum Erhalt oder zur Verbesserung der Traubengesundheit sowie unterschiedliche Systeme der Applikationstechnik führen sowohl zu einer veränderten Exposition als auch zu einem unterschiedlichen Benetzungsgrad der Trauben. Dies ist für die Menge an Pflanzenschutzmittelrückständen im Erntegut von Bedeutung und kann sich insbesondere auf das weiter zu verarbeitende Produkt auswirken. Unter Berücksichtigung dieser kulturtechnischen Maßnahmen sowie verschiedener gerätetechnischer Eigenschaften lagen die nachgewiesenen Wirkstoffrückstände auf den Keltertrauben bei Anwendung der so genannten „guten fachlichen Praxis“ (d.h. Einhaltung der empfohlenen Anwendungskonzentration, sachgerechte Ausbringung, Einhaltung der Wartezeit) stets unterhalb der gesetzlich festgelegten Grenzwerte. Dies galt für alle untersuchten Präparate. Durch die Weiterverarbeitung bis hin zum Endprodukt reicherten sich die Wirkstoffe weiter deutlich ab – im Wein größtenteils bis unterhalb der Nachweisgrenze.
Einleitung
Laut NEPTUN 2000-Studie erfordert der Anbau von Keltertrauben im Vergleich zu anderen Kulturen (z.B. Winterweizen, Kartoffeln, Hopfen) den höchsten Pflanzenschutzmitteleinsatz (Roßberg 2007). Vor dem Hintergrund einer nachhaltigen Produktion sowie der Interessen der Verbraucher an rückstandsarmen Lebens- und Genussmitteln ist eine Reduzierung des Pflanzenschutzmitteleinsatzes im Weinbau wünschenswert. Selbst bei sachgerechter Anwendung von Pflanzenschutzmitteln gemäß „guter fachlicher Praxis“ sind allerdings Wirkstoffrückstände auf den Pflanzen und im Erntegut unvermeidbar. Vom Gesetzgeber wurden deshalb auf der Basis von Risikostudien und unter Berücksichtigung eines Sicherheitsfaktors gesundheitlich unbedenkliche Rückstandshöchstmengen festgelegt. So liegen auch für Keltertrauben entsprechende Grenzwerte vor. Der Anwender von Pflanzenschutzmitteln ist gesetzlich verpflichtet, diese einzuhalten. Dabei können Qualitätsmanagementsysteme die gesetzlich vorgeschriebene Dokumentation unterstützen und dem Anwender eine gewisse Haftungssicherheit bieten (Stoll et al. 2008).
Ziel dieser Arbeit war es, das Risiko von Pflanzenschutzmittelrückständen auf Trauben, in Traubensaft sowie in Wein nach Anwendung derzeit praxisüblicher Anbau-, Bearbeitungs- und Weiterverarbeitungsmethoden und unter Berücksichtigung der „guten fachlichen Praxis“ zu bewerten.
Material und Methoden
Die Feldversuche wurden in einer 32-jährigen Anlage der Rebsorte Riesling durchgeführt, die als Spaliererziehung aufgebaut ist. Als praxisübliche Laubwandgestaltung wurden verschiedene Blattflächenvarianten mittels Entlauber (Fa. Binger Seilzug) eingestellt: A: einseitige Entblätterung; B: beidseitige Entblätterung; C: ohne Entblätterung (Kontrolle).
Die Applikation der Pflanzenschutzmittel erfolgte entweder mit einem Axialgebläse (ZA24, Fa. Wanner) oder mit einem dreifächrigen Radialgebläse (T460, Fa. Vicar). Für die Messungen zur Bodenbelastung wurde ein Tracer (Brillantsulfoflavin) eingesetzt. Hierfür wurden acht U-Profile in den Boden eingelassen. Darin befanden sich quer zur Zeilenrichtung Petrischalen, die mit Filterpapier ausgelegt waren. Die Quantifizierung der Tracer in den Petrischalen erfolgte fluorimetrisch.
Zum Zeitpunkt der Lese (30. Oktober 2009) wurden aus den Versuchsvarianten 3 kg Trauben entnommen. Zur Weinbereitung wurden Trauben (130 kg je Variante) über eine Ganztraubenpressung weiterverarbeitet. Proben von Most, Sediment, Jungwein sowie des füllfertigen Produktes wurden zeitnah entnommen. Die Analysen der Pflanzenschutzmittelwirkstoffe wurden mittels GC-MS/LC-MS mit einer amtlichen Untersuchungsmethode (ASU L 00.00-115) beim Landesbetrieb Hessisches Landeslabor (LHL, Kassel) durchgeführt.
Die statistische Auswertung sowie die T-Tests wurden mit SigmaPlot/Stat® ausgeführt.
Ergebnisse und Diskussion
Gebläsetypen
In der Beurteilung der Bodenkontamination traten signifikante Unterschiede zwischen den Versuchsgliedern Kontrolle und beidseitige Entblätterung auf. Die Unterschiede zwischen den beiden eingesetzten Gerätetypen waren meist nicht signifikant. Allerdings zeigte sich, dass bedingt durch die Gerätebauform das Axialgebläse zu einer geringeren Durchdringung der Laubwand führte und tendenziell im Vergleich zum Radialgebläse eine geringere Pflanzenschutzmenge auf dem Boden zur Folge hatte. Das geschlossene Luftleitsystem des Axialgebläses führt zu einer gleichmäßigeren Verteilung und einem zielgerichteten Luftaustritt, während die fächerförmigen Luftaustrittsöffnungen des Radialgebläses zu einer Überlagerung der Sprühstrahlen führen können und somit den Forderungen nach gleichmäßiger Vertikalverteilung nicht immer ganz entsprechen (Bäcker et al. 2009, Cerruto 2007, Wallhäuser 2010).
Wirkstoffrückstände
Bei sachgerechter Ausbringung und unter Einhaltung der Wartezeiten lagen die von allen Präparaten nachgewiesenen Wirkstoffrückstände unterhalb der gesetzlich festgelegten Grenzwerte.
Die weinbauliche Maßnahme Entblätterung führte bei allen Versuchsvarianten zu einer Rückstandsanreicherung. Aufgrund der freigestellten Zielfläche muss also mit einer Wirkstoffanreicherung gerechnet werden. Dies gilt in noch stärkerem Maße bei beidseitiger Entblätterung, was für den Wirkstoff Cyazofamid zutraf, dessen Rückstandsmenge bei beidseitiger Entblätterung deutlich erhöht war. Im Falle des Spezialbotrytizid-Wirkstoffes Pyrimethanil lag die Rückstandsmenge sowohl auf Trauben als auch im weiterverarbeiteten Produkt oberhalb der Nachweisgrenze für den entsprechenden Wirkstoff (Tabelle 1). Die Ergebnisse der vorliegenden Studie bestätigen frühere Untersuchungen (Will et al. 1996), die zeigten, dass es im Zuge der Weiterverarbeitung zum Endprodukt Wein zu einer deutlichen Abreicherung der Wirkstoffe kommt. Allerdings ist diese Abreicherungsrate nicht bei allen Wirkstoffen gleich: Dimethomorph und Pyrimethanil reicherten sich im Vergleich zu anderen Wirkstoffen deutlich weniger ab.
Fazit
Sowohl weinbauliche Maßnahmen als auch die Gerätetechnik haben einen Einfluss auf die in Trauben und Wein verbleibenden Rückstandsmengen von Pflanzenschutzmitteln. Unter Einhaltung der Maßgaben der so genannten guten fachlichen Praxis lagen die Rückstandshöchstwerte unabhängig von der Entblätterungsintensität sowie vom Gerätetyp deutlich unterhalb der gesetzlich festgelegten Rückstandshöchstmengen für Keltertrauben. Mit jedem weiteren Schritt der Weinbereitung reicherten sich die Wirkstoffe weiter ab. Im Endprodukt, dem gefüllten Wein, lagen mit Ausnahme eines Spezialbotrytizid-Wirkstoffes alle Wirkstoffe unterhalb der Nachweisgrenze.
Co-Autoren:
2e M. Blum, 2e W. Fehse, 2f G. Stern, 2f M. Heinzler, 1b A. Reineke, 1b O. Baus, 1c R. Keicher, 1c G. Bäcker, 1c H.-P. Schwarz, 1a B. Gaubatz, 1d J. Seckler und 1d M. Freund
1 Forschungsanstalt Geisenheim:
a Fachgebiet Weinbau;
b Fachgebiet Phytomedizin;
c Fachgebiet Technik;
d Fachgebiet Kellerwirtschaft;
2 Landesbetrieb Hessisches
Landeslabor (e Wiesbaden, f Kassel)
Literatur:
Stoll M, Schwarz H-P, Gaubatz B, Müller R (2008): Globaler Weinbau: Qualitätsmanagementsysteme und Rückverfolgbarkeit. Mitteilungen Klosterneuburg 58, 75-81. |
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