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Muffige Luft – Muffiger Stopfen – Muffiger Wein

Volker Schaefer, M.Sc.
Fachgebiet Kellerwirtschaft

Fast jeder Weintrinker hat schon einmal die leidige Erfahrung gemacht: Man öffnet eine Flasche Wein, doch anstatt des erwarteten Weinaromas überrascht den Weinfreund ein dumpf-muffiges Aroma, dass die Freude auf ein schönes Glas Wein jäh zunichte macht. Vom Weinkonsumenten wird dieser Fehlton allgemein als „Korkton“ bezeichnet und somit direkt mit dem Naturkorken in Verbindung gebracht.
Nach Pena-Neira et al. (1999) sind 0,5 bis 2% der in Europa abgefüllten Weine und 1 bis 5,5 % der in Australien gefüllten Weine mit Korkgeschmack belastet.
Um die Gefahr eines Korktons im Wein zu umgehen, setzt die Weinindustrie in zunehmendem Maße auf die Verwendung von Alternativverschlüssen wie Kunststoffstopfen und Schraubverschlüsse. Aus Sicht vieler Verbraucher ein logischer Schritt, denn damit scheint die Gefahr des „Korkschmeckers“ ausgeschlossen. Leider ist die Realität eine andere.
Wie verschiedene Untersuchungen belegen, macht die Kork- und Mufftonproblematik nicht vor alternativen Flaschenverschlüssen halt. So wurden dem klassischen Korkgeschmack ähnliche Mufftöne auch bei Verwendung von Schraubverschlüssen und Kunststoffstopfen festgestellt (Hesford & Schneider 2002). Somit zeigt sich, dass der Begriff „Korkschmecker“ mehr als fraglich ist, denn offensichtlich gibt es noch andere Quellen für diese dumpf-muffige Fehlaromatik. Doch über welche Wege gelangen die Fehlaromen in den Wein? Ist wirklich immer der Flaschenverschluss die Ursache?
Im Rahmen eines kooperativen Forschungsprojektes der Fachgebiete Kellerwirtschaft, Mikrobiologie und Technik an der Forschungsanstalt Geisenheim wurden im Rahmen eines aus Drittmitteln finanzierten Projektes Praxisfälle untersucht, bei denen es zu einem gehäuften Auftreten von dumpf-muffigen Fehltönen in Weinen verschiedener Weingüter kam.
Hierbei zeigte sich, dass häufig chemische Altlasten in Verbindung mit baulichen Mängeln Ursache der Fehltonproblematik sein können.
Anfang der achtziger Jahre wurde erstmals die Verbindung 2,4,6 Trichloranisol (TCA) als eine der Hauptursachen für den Korkgeschmack im Wein identifiziert (Tanner et al. 1981).
Als weitere Quelle für das Entstehen von Trichloranisol wurden chlorierte Phenole, wie die cancerogene Verbindung Pentachlorphenol (PCP), erkannt, welche bis Ende der achtziger Jahre in großem Maße z.B. als Holzschutzmittel (Handelsname z.B. Raco®, Xylamon BV®) und Pflanzenschutzmittel (z.B. Dowicide®) verwendet wurden (Simpson & Sefton 2007; Rudy & Scholten 2007). Durch die mikrobiologische Umsetzung dieser Stoffe verändert sich zum einen der Geruchscharakter dieser Verbindungen vom chemisch-medizinischen hin zum dumpf-muffigen Aroma, zum anderen aber, und das ist das Entscheidende, findet eine enorme Absenkung des Geruchsschwellenwertes statt, wodurch im Vergleich zum Chlorphenol bereits Spuren des entsprechenden Chloranisols ausreichen, um einen Fehlton zu verursachen.

Im Rahmen einer Diplomarbeit im Fachgebiet Kellerwirtschaft konnte nachgewiesen werden, dass in Abhängigkeit von Rebsorte und Weinart bereits eine geringe Menge von nur 0,5 ng/L 2,4,6 Trichloranisol eine Aromaveränderung im Wein hervorrufen kann (Reinbott 2010).
Seit Ende der achtziger Jahre wurden die chlorierten Phenole wegen ihrer gesundheitsgefährdenden Eigenschaften in vielen Bereichen durch bromierte Phenole ersetzt, wie z.B. beim Einsatz von 2,4,6 Tribromphenol (TBP) als Flammschutzmittel für Holz (z.B. Paletten) und in Kunststoffen (Pulido & Ayzaguer 1991).
Whitfield et al. (1997) wiesen nach, dass in Verpackungsmaterialien enthaltenes Tribromphenol durch pilzliche Stoffwechselaktivität - wie die chlorierten Phenole - in ein Anisol (TBA) umgewandelt wird und somit das gleiche Problem wie die chlorierten Anisole verursachen kann.
Die weit verbreitete Verwendung chlorierter und bromierter Phenole führt dazu, dass diese Stoffe quasi überall in unserer Umwelt zu finden sind und häufig als Kontaminanten in der Raumluft von Gebäuden auftreten.
Anhand einiger Fallbeispiele soll auf die verschiedenen Aspekte der Kontaminationsproblematik während der Weinbereitung hingewiesen werden.
Fall 1:
Ein Weingut stellte dem Fachgebiet Kellerwirtschaft Proben eines Müller-Thurgau Weines zur Verfügung, bei dem es trotz der Verwendung von MCA-Schraubverschlüssen wiederholt zu Reklamationen wegen Korkgeschmacks kam.
Bei der sensorischen Beurteilung der Weine fiel bei einem hohen Anteil der Flaschen eine dumpf-muffige Fehlaromatik auf.
Eine stichprobenartig durchgeführte GC-Analyse einer beanstandeten Probe und einer nicht beanstandeten Kontrollprobe des gleichen Weines zeigte eine Kontamination der beanstandeten Probe mit halogenierten Anisolen, insbesondere Tribromanisol, im Bereich des Geruchsschwellenwertes (4 ng/L) (Tabelle 1).
Um die Ursache dieser Belastung zu finden wurde im gesamten Betrieb eine Analyse der Raumluft durchgeführt.
Die Ergebnisse zeigten, dass sämtliche Produktionsbereiche frei von Belastungen mit TCA bzw. TBA waren  – mit Ausnahme des Lagerraumes, in welchem die Schraubverschlüsse gelagert wurden (Tabelle 1).

Aufgrund der Lagerung der Alternativverschlüsse in einem Raum mitkontaminierter Luft konnte TBA im Dichtungsmaterial angereichert und später an den Wein abgegeben werden.
Fall 2:
In einem weiteren Fall traten in den Weinen eines pfälzischen Weingutes dumpf-muffige Fehlaromen nach der Füllung auf, obwohl das Weingut bereits seit mehreren Jahren ausschließlich Kunststoffstopfen verwendete und in der Vergangenheit nie Probleme aufgetreten waren.
Die vom Fachgebiet Kellerwirtschaft untersuchten abgefüllten Weißweine zeigten sensorisch durchweg eine mangelnde Frische, einige Weine waren deutlich dumpf-muffig.
Die entsprechenden Fassproben dieser Weine präsentierten sich hingegen frisch, sorten- und jahrgangstypisch sowie fehlerfrei.
Eine gaschromatographische Analyse der Fassproben sowie der abgefüllten Weine (Tabelle 2) ergab, dass die nicht beanstandeten Fassproben weder eine Belastung mit TCA, noch mit einem anderen halogenierten Ani­sol aufwiesen, wohingegen in selbigen Weinen nach der Füllung TCA-Gehalte von etwa 2,3 ng/L zu finden waren (Tabelle 2).
Eine Analyse der Luft im Füllraum ergab eine starke Belastung der Raumluft mit TCA und dessen Vorstufe TCP (Abb. 2). Als Quelle der Kontamination konnten in diesem Raum diverse Holzbauteile sowie der dahinter befindliche Mauerputz identifiziert werden. Aufgrund der starken Belastung der Raumluft reichte in diesem Fall bereits der Kontakt des Weines mit der Luft im Rahmen der Füllvorbereitungen (Vorlegen im Fülltank) aus, um den Aromadefekt hervorzurufen.
Die veränderte Raumluftsituation wurde im vorliegenden Fall durch Installation einer neuen Heizanlage und geringfügige Temperaturerhöhung im Raum verursacht.

Daraus resultierte zum einen eine verstärkte Kontamination aus den belasteten Baustoffen, zum anderen wurde durch die erhöhte Temperatur sowie aufgrund der Erhöhung der Luftfeuchtigkeit durch die Dampfsterilisation der Abfüllanlage das Wachstum von Schimmelpilzen und somit die Umwandlung von TCP in TCA auf den belasteten Materialien begünstigt.

Eine wiederholte Raumluftüberprüfung nach der Sanierung (Entfernung belasteter Bauteile) zeigte, dass die TCA-Belastung auf ein vertretbares Maß zurückgegangen war.

Im Rahmen einer weiterführenden Studie im Fachgebiet Kellerwirtschaft der Forschungsanstalt Geisenheim wurden auch spezielle Filterschichten getestet, welche in der Lage sein sollen, selektiv halogenierte Anisole aus dem Wein zu entfernen, ohne das Weinaroma zu verändern.

Hierbei wurden verschiedene Weine mit unterschiedlichen Dosagen an TCA und TBA kontaminiert und anschließend über die Spezialfilterschichten filtriert (Abb. 3).

Bei allen Weinen zeigte sich, dass die vor der Filtration noch ungenießbaren Weine ihre Fruchtigkeit und Frische wiedererlangten. Die Wirksamkeit dieses Verfahrens wurde sensorisch und analytisch belegt. Die umfassenden Ergebnisse der Filtrationsuntersuchungen wurden im Jahr 2008 veröffentlicht (Jung et al. 2008).

 

Co-Autoren:
1a Rainer Jung, 1b Doris Rauhut,
1b Stefanie Fritsch
1 Forschungsanstalt Geisenheim: a Fachgebiet Kellerwirtschaft,
b Fachgebiet Mikrobiologie

Literatur:

Hesford F & Schneider K (2002): Entstehung von Korkton im Wein Schweiz. Z. Obst –Weinbau 16/02, 415-417.

Jung R, Schaefer V, Christmann M, Hey M, Fischer S, Rauhut D (2008): Removal of 2,4,6-trichloroanisole (TCA) and 2,4,6-tribromoanisole (TBA) from wine.
Mitteilungen Klosterneuburg 58: 58-67.

Pena-Neira A, Fernandez de Simon B, Garcia-Vallejo MC., Hernandez T, Cadahia E, Suarez JA (2000): Presence of cork-taint responsible compounds in wines and their cork stoppers. Eur. Food Res. Technol. 211: 257-261.

Pulido ML & Ayzaguer JM (1991): Combination of 2-(Thiocyanomethylthio)benzothiazole and a Trihalogenated Phenol United States Patent, Patent Number 4,983,618, Date of Patent an. 8, 1991.

Reinbott K (2010): Einfluss von Rebsorten und Weinarten auf die sensorische Ausprägung halogenierter Kohlenwasserstoffe als Weinkontaminanten
Diplomarbeit Hochschule RheinMain.

Rudy H & Scholten G (2007): Diagnose: Korkgeschmack!? Das Deutsche Weinmagazin 3/07, 16-18.

Simpson R & Sefton M (2007): Origin and fate of 2,4,6-trichloroanisole in cork bark and wine corks. Austr. J. of Grape and Wine Research 13, 106-116.

Tanner H, Zanier C & Buser H (1981): 2,4,6-Trichloranisol: Eine dominierende Komponente des Korkgeschmacks. Schweiz. Z. Obst-Weinbau 117, 97-103.

Whitfield F, Hill J & Shaw K (1997): 2,4,6-tribromoanisole: a potential cause of mustiness in packaged food. J. Agric. Food Chem. Vol. 45, 889-893.