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Der Pflanzschnitt - eine alte aber kontraproduktive Praxis?

Zusammenfassung
Bäume und Sträucher, die für ein Umpflanzen gerodet werden, verlieren unvermeidbar bis zu 80 % ihres aktuellen Wurzelsystems. Die Reaktion vieler Gehölze darauf ist bekannt: kürzere Triebe, kleinere Blätter und auch das Eintrocknen von Triebspitzen. Diese Reaktionen werden allgemein als Umpflanzschock bezeichnet.
Um diesen zu vermindern, erfolgt üblicherweise ein mehr oder weniger intensives Einkürzen der Triebe während des Pflanzens, der Pflanzschnitt. Diese traditionelle Praxis folgt der Logik, dass ein derartiger Rückschnitt die Entwicklung transpirierender Organe der stark verminderten Wasseraufnahmefähigkeit anpasst, was zu einem unkritischen Wasserstress führt und damit die Etablierung fördert.
Andererseits benötigt das Gehölz für die Regeneration von Wurzeln, neben knospenbürtigem Auxin, viel Energie. Diese kommt zunächst aus den im Holz eingelagerten Reserven und muss dann mithilfe möglichst viel photosynthetisch aktiver Blattfläche ergänzt werden. In Untersuchungen mit Flieder konnte nachgewiesen werden, dass der Pflanzschnitt die Neubildung von Wurzeln hemmt und für ein zügiges Anwachsen kontraproduktiv sein kann.

Die Gehölzpflanzung
Bäume und Sträucher, die für ein Umpflanzen gerodet werden, verlieren bis zu 80 % ihres aktuellen Wurzelsystems. Das ist unvermeidbar und gilt sowohl für wurzelnackte als auch für ballierte Pflanzen. Vermeidbar sind dagegen größere und zusätzliche Verluste durch mangelhaftes Verschulen während der Kultur und Trockenstress während der Nachernte. Unter der begrenzten Wasseraufnahme leidet vor allem der Neutrieb. Das führt zu dem bekannten Bild von kürzeren Trieben, kleineren Blättern und auch trockenen Triebspitzen. Diese Reaktion ist allgemein unter dem Begriff Umpflanzschock bekannt. Die graduellen Unterschiede, die bis zu einem mehrjährigen Absterbeprozess reichen, beruhen auf verschiedenen Faktoren. Einer ist die Menge an Regenerationsorten für neue Wurzeln, das sind primär die Zonen direkt hinter den Schnittflächen. Deren Menge ist zwangsläufig eingeschränkt, aber durch geeignete Kultur- und Nacherntemaßnahmen beeinflussbar.
Andere gehören zum artabhängigen Komplex Regenerationspotential. Dies betrifft das endogene Wassermanagement, den Reservestoffhaushalt, die Dynamik der Wuchsstoffe und weitere Faktoren.

Der Pflanzschnitt
Die Beobachtung des Umpflanzschocks führte zu der scheinbar logischen Überzeugung, dass das Spross/Wurzel-Verhältnis nach den durch die Rodung unvermeidbaren Wurzelverlusten wieder ins Gleichgewicht zu bringen ist. Ein Rückschnitt von Ästen und Zweigen soll die Entwicklungsmöglichkeit transpirierender Organe der stark verminderten Wasseraufnahmefähigkeit anpassen, was den Wasserstress minimiert und damit die Etablierung fördert. Daraus entwickelte sich das traditionelle Verfahren des Pflanzschnitts, also das Einkürzen der Triebe um 30% bis 50% während des Pflanzens.  Der Neutrieb an den verbliebenen Ästen ist in der ersten Saison nach dem Pflanzen meist kräftiger als bei ungeschnittenen Pflanzen, was die Maßnahme richtig erscheinen lässt. Die Basis einer nachhaltigen Etablierung ist aber die Wurzelregeneration; für deren Förderung durch den Pflanzschnitt gibt es keine experimentellen Beweise.
Tatsächlich müsste der Rückschnitt unter Berücksichtigung der gehölzphysiologischen Grundlagen für die Wurzelbildung hinderlich sein. Die für die Wasseraufnahme wichtigen jungen Wurzeln entstehen in einer ersten Welle im Frühjahr, vor dem Laubaustrieb, aus den im Herbst in Wurzeln und Triebe eingelagerten Reserven heraus. Das gilt für verpflanzte genauso wie für unverpflanzte Gehölze. Der darauf folgende Neutrieb benötigt konkurrierend die gleichen Ressourcen. Die sind auch ohne Substanzverlust durch den Schnitt von Wurzeln und Zweigen begrenzt und müssen zügig durch die aktuelle Photosynthese ersetzt werden. Dazu ist die größtmögliche Blattfläche anzustreben. Die Steuerung der Wurzelbildung erfolgt durch Wuchsstoffe, von denen Auxin hier eine wichtige Rolle spielt. Ein Entstehungsort sind die Wurzelmeristeme, die aber durch das Roden größtenteils verloren gehen, sodass die anderen Entstehungsorte, also die jungen Blätter und vor allem die Meristeme der Sprossspitzen umso wichtiger sind.
Diese Fakten lassen jede Reduktion an Reserven, Spitzen-Knospen und produktiver Blattfläche nachteilig erscheinen. Die Pflanze selber kann vermutlich die Bilanz zwischen Wasserversorgung und Wasserverbrauch angemessener regeln als ein „blinder“ Rückschnitt.

Die Etablierung
Um zu überprüfen, ob Pflanzen tatsächlich in der Lage sind, die Wurzelneubildung und damit die Etablierung allein effektiver zu gestalten als mit Hilfe eines Pflanzschnitts, liefen an der Forschungsanstalt Geisenheim Untersuchungen mit Flieder, eine Pflanze, die besonders deutlich auf Umpflanzbedingungen reagiert. Wurzelnackte, zweijährige Veredlungen von Syringa vulgaris ’L. Späth’ erhielten nach einer kurzen und schonenden Nacherntephase beim Pflanzen einen Rückschnitt von einem oder zwei Haupttrieben. Das entsprach je nach Ausgangsgröße einer 0-, 25-, 30- bzw. 50-prozentigen Reduktion der Triebmasse und ergab Trieb/Wurzel-Verhältnisse von 1,6 bis 0,7.
Die Messungen des Wasserpotentials erfolgten nach der vollständigen Blattentfaltung an sonnigen Tagen zur Mittagszeit. Das vier Tage trocken gehaltene Sandsubstrat und die intensiven Transpirationsbedingungen setzten die Pflanzen unter moderaten Wasserstress. Dennoch ergab sich kein Einfluss der Triebreduktion. Mit einem ΨST von -1,3 MPa bis -1,4 MPa lagen alle Pflanzen auf dem gleichen Niveau (Abb. 5a). Das ist ein Wert,  den auch unverpflanzte Flieder unter entsprechenden Bedingungen aufweisen.
Nach Abschluss des Triebwachstums, drei Monate nach der Pflanzung zeigte sich das erwartete Bild. Die geschnittenen Varianten machten den vitaleren Eindruck, da die neuen Triebe etwas länger waren und größere Blätter hatten. Aber es ergab sich nur eine Verbesserung im Triebzuwachs pro verbliebenem Trieb (Abb. 5b). Hier führte eine Verschiebung des Trieb:Wurzel Verhältnisses von 1,6 nach 0,7 zu rund 40% mehr Neutrieb. Allerdings konnte dieser kräftigere Zuwachs nicht den Verlust durch den Rückschnitt kompensieren. Im entsprechenden Vergleich lag die Gesamttrieblänge um 34% niedriger (Abb. 5c). Abhängig von der Intensität des Pflanzschnitts fehlte damit bis zu einem Drittel der assimilierenden Blattfläche, Produktionsstätte der für die Wurzelregeneration wichtigen Substanzen.
Tatsächlich war der für die Etablierung so wichtige Wurzelzuwachs signifikant verringert. Als Folge einer 50%igen Triebreduktion war das Wurzelwachstum um 40% vermindert (Abb. 5d). Dadurch bestand dann auch eine entsprechend geringere Möglichkeit Wasser und Nährstoffe aufzunehmen, um damit Reservestoffe für die kommende Saison aufzubauen.
Die Konsequenzen
Die hier nur mit Flieder erzielten Ergebnisse stehen in Übereinstimmung mit den Erkenntnissen von Kessel (1994) an Buchen und vielen internationalen Untersuchungen, die Whitcomb (2006) in seinem Buch zusammengefasst hat. In Amerika gilt heute schon für den GaLaBau die Empfehlung, den Pflanzschnitt zu unterlassen.
Folgende Checkliste sollte bei der Gehölzverwendung in Bezug auf das Etablierungspotential beachtet werden:

•    Reservestoffniveau bei der Ernte    

optimale Nährstoffversorgung während der Kultur
keine vorzeitige Entblätterung
nur ausgereifte Gehölze


•    Wurzel-Regenerationsorte

nur fachgerecht verschulte Gehölze
keine Wurzelverluste durch unsachgemäßes Roden
weitere Wurzelverluste durch Austrocknung währen der Nachernte unterbinden
kein Wurzelschnitt bei der Pflanzung


•    Erhalt des Regenerationspotentials

keine Reservestoffverluste durch falsche Lagerung
kein Pflanzschnitt
Formierungsschnitt erst nach der Wurzelneubildung

Literatur

Kessel, N H (1994): Das Wachstum von Buchenwildlingen und Baumschulpflanzen nach Sprossschnitt, Wurzelschnitt, Konkurrenzregelung, Beschattung und bei weitem Pflanzverband. Dissertation, Universität Freiburg.
Whitcomb, C E (2006): Establishment and Maintenance of Landscape Plants. Library of Congress Catalog, USA.