Sprungmarken

Servicenavigation

Hauptnavigation

Terroir Hessen

Dr. Peter Böhm
Fachgebiet Bodenkunde und
Pflanzenernährung

Zusammenfassung
Im Auftrag der hessischen Weinbauverbände will das Projekt TERROIR HESSEN die Vielfalt der hessischen Weinbaustandorte und deren Einfluss auf den Weinstil des Rieslings aufzeigen. Im Rahmen des Projektes wurden fachliche Grundlagen zum Standortpotenzial erarbeitet und standorttypische Weine produziert. Diese werden in Präsentationen einem Fachpublikum, Winzern und interessierten Verbrauchern vorgestellt. Dabei wird im Unterschied zum Projekt „Erstes Gewächs Rheingau“ keine Klassifizierung, sondern eine Abgrenzung und Differenzierung der Flächen vorgenommen.
Standortforschung mit Tradition
Für die standortgerechte Bestockung benötigten die Winzer insbesondere bei der Umsetzung von Flurbereinigungsverfahren seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts detaillierte Planungsunterlagen. In Hessen wurde vom Hessischen Geologischen Dienst ab 1947 eine großmaßstäbige bodenkundliche Kartierung der Weinbaugebiete durchgeführt. In den nachfolgenden Jahren erarbeiteten Wissenschaftler des Deutschen Wetterdienstes und der Forschungsanstalt Geisenheim eine Dokumentation klimatischer Standortfaktoren und verfassten Empfehlungen für den Anbau von Reben. Die Arbeitsergebnisse wurden von Zakosek et al. (1967) als „Weinbaustandortatlas“ publiziert. Diese Daten waren eine essentielle Grundlage für die Klassifizierung „Erstes Gewächs Rheingau“, das auf der Basis der Berechnung des „potentiellen Mostgewichtes“ erarbeitet wurde (Hoppmann & Löhnertz 2002). Mittlerweile liegt eine Neuauflage des Weinbaustandortatlas (Löhnertz et al. 2004) und seit 2010 auch in englischer Übersetzung vor. Im Internet werden die Standortinformationen in Form des „Weinbau-Standortviewers“ (http://weinbaustandort.hessen.de) inklusive eines Moduls zur parzellenscharfen Auswahl geeigneter Unterlagen bereitgestellt (Friedrich et al. 2008).

Standort und Terroir – ein Thema für den Weinbau in Hessen?
Keine andere Weinbauregion verfügt über eine größere Dichte an kleinmaßstäbigen Standortuntersuchungen als der Rheingau. Sie sind ein besonderer Schatz für die Forschung und die Praxis im Weinbau. Die Daten zum Standortpotenzial der Weinbauregion helfen dem einzelnen Winzer und der Anbauberatung bei der Umsetzung der „guten fachlichen Praxis“. Die vorhandenen Daten können zur Abgrenzung von Flächen – wie bei der Konzeption des „Ersten Gewächses“ im Rheingau – genutzt werden. Im deutschen Weinbau hat die Differenzierung von Standorten und Herkunftsbezeichnungen eine lange Tradition und ist von großer Bedeutung. Der international gebräuchliche Begriff „TERROIR“ wird dabei auch in Deutschland zunehmend verwendet. Das Terroir wird als Einheit von Boden, Topographie, Klima und der Arbeit des Winzers aufgefasst.
Die Wechselwirkungen zwischen natürlichen Standortfaktoren einerseits, der Rebsorte, weinbaulichen und oenologischen Maßnahmen andererseits, bergen viele, noch offene (Forschungs-)Fragen.
Um die Diskussion zu versachlichen, die Bedeutung des Standortes und des Terroirs zu objektivieren, braucht es daher vor allem naturwissenschaftliche Informationen. Aus diesem Grunde beauftragten der Rheingauer Weinbauverband e.V. und der Weinbauverband Hessische Bergstraße e.V. das Fachgebiet Bodenkunde und Pflanzenernährung der Forschungsanstalt Geisenheim, die Vielfalt der hessischen Weinbaustandorte und deren Einfluss auf den Weinstil bei den Sorten Riesling und Spätburgunder aufzuzeigen. Im engen Verbund mit dem Fachgebiet Kellerwirtschaft, dem Hessischen Landesamt für Umwelt und Geologie (HLUG) und dem Weinbauamt Eltville wird seit Oktober 2006 im Projekt TERROIR HESSEN (www.terroir-hessen.de) geprüft, ob reproduzierbare Zusammenhänge zwischen der Standortcharakteristik, speziell dem Faktor Boden, und der Typizität der Weine bei den Sorten Riesling und Spätburgunder bestehen.

Vom Terroir ins Glas
Der nächste Schritt bei der Erarbeitung des Standortpotenzials hessischer Rebflächen war die gezielte Produktion von Weinen unter standardisierten Bedingungen. So werden im Terroir-Projekt Riesling-Weine von charakteristischen Standorten produziert. Bei vergleichbaren klimatischen Bedingungen, Anbauverhältnissen (z.B. Ertragsniveau: 75 hl/ha; Rebenalter von 10-25 Jahren) und Reifegraden des Traubengutes (ca. 90° Oechsle) werden die Faktoren „Boden“ bzw. „Geologie“ variiert. Sechs ausgewählte Standorte wurden bodenkundlich untersucht und detailliert beschrieben. Das hessische Anbaugebiet birgt eine große Vielfalt an geologischem Ausgangsmaterial und Bodentypen: Schiefer, Phyllit, Quarzit, Rhyolith, Serizitgneis, Löss, Ton, Tonmergel sowie fluviale Sedimente. Die Rieslinge von TERROIR HESSEN stehen somit für einen vom Boden in spezifischer Weise beeinflussten Weinstil.
Beim Weinausbau werden die kellerwirtschaftlichen Eingriffe standardisiert und auf ein Minimum reduziert. In jedem Jahrgang werden sechs Weine vom Fachgebiet Kellerwirtschaft der Forschungsanstalt Geisenheim ausgebaut, die weiteren Projektweine werden von Winzern im eigenen Weingut nach genau definierten Vorgaben vinifiziert.
Vielfalt erleben
Die mittlerweile über 20 Rieslinge des Projektes TERROIR HESSEN werden seit dem ersten Jahrgang 2006 regelmäßig einem Fachpublikum sowie interessierten Verbrauchergruppen in Weinproben vorgestellt. Neben der Präsentation der Weine auf Weinmessen, z.B. der Fachmesse „ProWein“, erfolgt auch ein Verkauf der Weine über Zeitschriften. Dabei ist das Ziel, unterschiedliche Weinstile in Abhängigkeit vom Terroir am Produkt Wein zu demonstrieren. Aus der Vielfalt der Standorte sollen hier drei repräsentative Beispiele aufgezeigt werden: Riesling-Weine vom Quarzit-, vom Löss- sowie vom Ton-Standort. Es handelt sich bei der Auswahl um charakteristische Gesteine des Rheingaus. Die daraus entwickelten Böden unterscheiden sich grundlegend hinsichtlich ihrer Eigenschaften. Diese Variabilität spiegelt sich in der Stilistik der Riesling-Weine wider.
Der Quarzit baut viele der Höhenzüge des Rheingaus auf. Quarzit entstand aus Sand und enthält weit mehr als 90% Silizium-Oxid. Sein Gehalt an Mineralstoffen ist sehr gering. Quarzit verwittert zu Gesteinsschutt und Sand. Das Wasser- und Nährstoffangebot ist aufgrund hoher Steingehalte und des hohen Quarzanteils der sandigen Feinerde gering. Es sind trockene Standorte, die sich rasch erwärmen und eine schnelle Reife fördern. Rieslinge vom Quarzit sind schlanke, säurebetonte Weine. Bei dem Beispiel Bodental-Steinberg sind die Aromen sehr zurückhaltend. Es dominieren gelbe Früchte und grüne Noten (Abb. 1). Enthält der Boden Lösslehm oder tonige Feinerde, wie z.B. in den Rüdesheimer und Geisenheimer Lagen, wird der Riesling kräftiger, fruchtiger und erhält eine mineralische Komponente.
Löss und Lösslehm prägen weite Bereiche der hessischen Weinbaugebiete. Mächtige Lössdecken wurden in den Kaltzeiten auf die Landschaft geweht. Aus dem kalkreichen Staub entwickelten sich fruchtbare Böden, die eine sehr gute Versorgung mit Wasser und Nährstoffen und damit beste Reifebedingungen bieten. Rieslinge vom Löss sind fruchtbetont. Der Riesling des Winkeler Hasensprungs wirkt saftig mit Aromen reifer Früchte (Abb. 2). Die Säure ist gut abgepuffert, die Weichheit erscheint typisch für Rieslinge von kalkreichen Böden.
Böden aus Ton sind dichte, im Frühjahr oft nasse Standorte. In vielfacher Hinsicht handelt es sich um extreme Weinbaustandorte. Die Menge an pflanzenverfügbarem Wasser ist begrenzt, im Spätsommer neigen die Flächen zur Trockenheit was zu Reifeverzögerungen führen kann. Das sehr große Mineralstoffpotenzial hingegen ist ein großer Vorteil. Rieslinge von Tonböden sind oft komplexe, stoffige Weine. Erfolgt auf kühlen Tonböden, wie am Standort Hattenheimer Schützenhaus, die Reifeentwicklung der Trauben langsam, präsentiert sich der Wein anders als es der schwere Boden erwarten lässt. Die Säure ist wenig abgepuffert. Die Aromen sind geprägt von frischen Früchten und grünen Noten (Abb. 4). Liegt über dem Ton eine ausgleichende Lösslehm-Lage, wie beispielsweise in den Hochheimer Lagen, dann ist die Säure gut abgepuffert und die Fruchtaromen werden intensiv wahrnehmbar.
Die charakteristischen Unterschiede bei der sensorischen Wahrnehmung von Säure, Körper und Frucht können regelmäßig auf der Rheingauer Weinwoche in Wiesbaden von vielen Verbrauchern nachvollzogen werden (Abb. 5). Ausgestattet mit einigen grundlegenden Informationen zu den Bodeneigenschaften ordneten bei einer Blindprobe mehr als die Hälfte der Weinfreunde den Riesling dem entsprechenden Boden richtig zu (Abb. 6). Mit dem „fruchtbaren Lössboden“ wurde das Attribut „fruchtig“ assoziiert, während Mineralstoffarmut beim Quarzit eher mit „sauer“ in Verbindung gesetzt wurde.

Literatur:

Böhm P, Löhnertz O & Muskat S (2008): Terroir Hessen. Vielfalt erleben! Hrsg.: Gesellschaft für Rheingauer Weinkultur mbH, Weinbauverband Hessische Bergstraße e.V.; Eltville am Rhein.
Friedrich K, Presser C & Schmid J (2008): Der Weinbaustandortviewer Hessen. Ein Informationssystem zur Standortbewertung und Unterlagenempfehlung. Dt. Weinb. Jb. 59, 110-117.
Hoppmann D & Löhnertz O (2002): Terroir – Rheingau, ein objektiver Beitrag zur Beschreibung der Standortverhältnisse im Rheingau. Dt. Weinb. Jb. 53, 55-65.

Löhnertz O, Hoppmann D, Emde K, Friedrich K, Schmanke M & Zimmer T (2004): Die Standortkartierung der hessischen Weinbaugebiete. Geologische Abhandlungen Hessen, Band 114, Wiesbaden.
Zakosek H, Kreutz W, Bauer W, Becker H & Schröder E (1967): Die Standortkartierung der hessischen Weinbaugebiete. Abh. Hess. Landesamt Bodenforschung, Band 50, Wiesbaden.