Einleitung
Deutschland ist mit ca. 7,6 Mio. hl im Jahr 2010 der größte Importeur von Fassweinen weltweit und bezog davon allein aus Europa rund 7 Mio. hl. Dadurch entsteht für ca. zwei Drittel der deutschen Weinerzeuger, die ihre Weine über Weinkellereien und Winzergenossenschaften im Lebensmittelhandel absetzen, ein harter Preiswettbewerb. Die über diese Wertschöpfungskette vermarkteten deutschen Weine stehen bei den abfüllenden und vermarktenden Weinkellereien in einem harten internationalen Preiswettbewerb.
In Zusammenarbeit zwischen der Fachzeitschrift ‚Weinwirtschaft‘ des Meininger Verlages und dem Fachgebiet Betriebswirtschaft und Marktforschung der Forschungsanstalt Geisenheim wurde eine nach Weinkategorien und Herkünften differenzierte Datei mit über 120 verschiedenen Fassweinpreisen aufgebaut.
Ziel dieser Datei und deren Veröffentlichung ist die Verbesserung der Marktinformationen über regionale Grenzen und Landesgrenzen hinweg, da sich der Weinmarkt immer stärker vernetzt. Neben den daraus abzuleitenden Erkenntnissen, u.a. über die Bedeutung von Herkünften (geschützten geografischen Angaben, g.g.A.) und geschützten Ursprungsbezeichnungen (g.U.), saisonalen Schwankungen, Trends, marktbedeutenden Kategorien etc., ist diese Preis-Datenbank auch für Marktanalysen verschiedenster Fragestellungen nutzbar.
Nach zehnjähriger Aufbauarbeit wird der europäischen Weinwirtschaft damit eine Marktinformation zur Verfügung gestellt, die es in dieser Weise bisher an keinem anderen Standort der Welt gibt:
www.weinoekonomie-geisenheim.de/Marktbeobachtung
Methodische Grundlagen
Die Zeitreihen wurden durch monatliche Befragungen von im Fassweinhandel tätigen Experten (Brokern, Kommissionären, Käufern und Verkäufern) in den jeweiligen Regionen von der Redaktion der Fachzeitschrift Weinwirtschaft im Meininger Verlag in Neustadt erhoben und dort in der Rubrik ‚Fassweinmärkte‘ in den für die jeweilige Region üblichen Handelsdimensionen (€/hl, €/Hektograd, €/Tonneau (900L), €/Piece, etc.) veröffentlicht. Bei der Übertragung der originären Preisdimensionen in die Datenbank erfolgte eine Umrechnung in eine einheitliche Dimension (€/hl), um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Sofern die ursprünglichen Dimensionen in €/Fasseinheit ausgewiesen waren, ist die Umrechnung in €/hl durch Division mit der Gebindegröße in hl einfach nachvollziehbar. Bei den Angaben der Preise in Hektograd wurde, sofern keine Alkoholgehalte angegeben wurden, ein einheitlicher Alkoholgehalt von 11,5 Vol.% angenommen. Wenn die Alkoholgehalte in der Marktrealität davon abweichen, kann eine weitere Umrechnung die Vergleichbarkeit verbessern.
Die ausgewiesenen Fassweinpreise der jeweiligen Kategorien sind auch als Mittelwerte des spezifischen Handels zum jeweiligen Zeitpunkt der Meldung zu verstehen. Bei einzelnen Geschäften können die vereinbarten Preise davon abweichen.
Erkenntnisse
Die in den Abbildungen aufgeführten Zeitreihen zeigen exemplarisch ausgewählte Regionen und Kategorien aus den Ländern Frankreich (Abb. 1), Italien (Abb. 2) Spanien (Abb. 3) und Deutschland (Abb. 4) mit den in den jeweiligen Regionen üblicherweise gehandelten Weinkategorien. Anzahl und Benennung der Kategorien haben sich innerhalb der zehnjährigen Bearbeitungszeit analog der sich wandelnden Marktbedingungen verändert. Gleichzeitig sind die Preisreihen für die einzelnen Kategorien nicht immer über den gesamten Zeitraum vollständig. Dies ist mit dem nicht zu jedem Meldezeitpunkt für alle Kategorien gleichzeitig stattfindenden Handel zu erklären. So wurde z.B. Verarbeitungswein in Rheinhessen (Abb. 4) nicht zu jedem Zeitpunkt gehandelt. Wenn kein Handel stattfand, konnte auch kein Preis gebildet und von den Experten gemeldet werden.
In einigen Regionen, z.B. dem Anbaugebiet (künftig g.U.) Rheinhessen (Abb. 4) konnten für eine sehr große Vielfalt von Kategorien Fassweinpreise erhoben werden, wodurch die Abbildung in bestimmten Preisebenen und zu bestimmten Zeiten unübersichtlich wurde. Es sei deshalb erwähnt, dass eine nach Kategorien getrennte Darstellung möglich ist, wenn dies von Interessenten gewünscht wird.
Heterogenität des europäischen Weinmarktes
Die Abbildungen der Preisreihen in verschiedenen Regionen mit unterschiedlichen Kategorien belegen die Heterogenität des Weinmarktes in Europa. Gleichzeitig wird die historisch bedingte Herausbildung von Marktsegmenten deutlich, die z. T. auf weingesetzlichen Regelungen beruhen (z.B. Herkunftsgebieten, Tafelwein, Qualitätswein, Verarbeitungswein) oder sich am Markt durch spezielle Qualitätsanforderungen oder Marktentwicklungen ohne nähere gesetzliche Regelungen entwickelt haben (z.B. nach Rebsorten, Sektgrundwein).
Vernetzung der Fassweinmärkte schwächt die Herkünfte
Ausgewählte Beispiele für Dornfelder aus Rheinhessen, der Pfalz und von der Nahe (Abb. 5), Riesling aus Rheinhessen, dem Rheingau, von der Mosel oder der Nahe (Abb. 6) und andere Kategorien zeigen die enge Vernetzung der Herkünfte über die Märkte und spezielle am Markt gehandelte Kategorien. So sind z.B. in Deutschland für die im Fassweinmarkt bedeutenden Rebsorten wie Riesling und Dornfelder die Preisverläufe im untersuchten Zeitraum unabhängig von den Herkünften, d.h. der Markt hat die Bedeutung der Rebsorten über die Anbaugebiete (g.U.) gestellt und längst die von der neuen EU-Weinmarktordnung geschaffenen Rebsortenweine mit der Herkunft Deutschland gestaltet.
Die Diskussion der Weinverbände zur Neuregelung sollte dieses Marktergebnis anerkennen und großräumige Verschnitte von Rebsorten mit der Herkunftsangabe Deutschland zulassen.
Gleichzeitig zeigt dieser Vergleich bei den Sektgrundweinen, dass die einkaufenden Sektkellereien (hauptsächlich aus Deutschland) durch ihre breiten Marktkenntnisse und -kontakte die Herkünfte so stark miteinander vernetzen, dass sich keine herkunftsbezogene Preisdifferenzierung – auch nicht bei witterungsbedingten Ertragsschwankungen – herausbilden kann. Die Nachfragemacht ist größer als der Witterungseinfluss.
Hektarertragsbegrenzungen und Preisstabilität
Gerade für die deutschen Weinbaugebiete wurde die 1989/90 eingeführte restriktive Hektarertragsregelung damals von den diese Markteingriffe befürwortenden Akteuren immer mit der von dieser Produktionsbegrenzung (oder besser Vermarktungsbegrenzung, weil mehr geerntet aber nicht vermarktet werden durfte) ausgehenden positiven Wirkung auf die Fassweinpreise zu deren Stabilisierung und Erhöhung begründet. Ein Blick in die Preisentwicklung für die Weinbaugebiete Pfalz, Rheinhessen (Abb. 4), Nahe, Mosel und Rheingau zeigt über die dargestellten zehn Jahre hinweg erhebliche Schwankungen und mehr Differenzierungen nach Rebsorten und hektarertragsabhängigen Kategorien (z.B. Verarbeitungswein, Landwein, Qualitätswein), als eine gesicherte Stabilität oder einen stetigen Anstieg.
Die spezielle Auswertung in Abb. 7 für das Anbaugebiet Mosel belegt, dass die verbesserte Markterschließung für Riesling von der Mosel in den USA (Export von Weißwein, QbA in Flaschen) mehr zur Preissteigerung (von 2003 bis 2007) und in umgekehrter Richtung (von 2007 bis 2010) beitrug, als die Hektarertragsbegrenzung in den Jahren vorher leisten konnte. Nicht der stete Rückgang der Mosterzeugung und von QbA-geprüften Weinmengen, sondern der stetige Anstieg der Exporte von Moselweinen, aber auch sein Rückgang in den Jahren 2007 und 2008, hatten einen stärkeren Einfluss auf die Fassweinpreise, als die Einführung der Hektarertragsregelung (vgl. Fassweinpreise 2001). Dies wird vor allem durch die in Abb. 7 integrierte Indexierung auf das Ausgangsjahr 2000 der für den Export von Moselwein (vgl. Index: Export Mosel) und die Riesling Fassweinpreise (vgl. Index: Riesling-FW-Preis) deutlich. Als Folgerung daraus ist zu schließen, dass Absatzerfolge nachhaltigeren Einfluss auf die Preise haben, als staatlich verordnete Vermarktungsbeschränkungen. Der drastische Preisanstieg seit dem Herbst 2010 ist zwar auf einen starken Ertragsrückgang zurückzuführen, bedeutet aber gleichzeitig aufgrund der geringen verfügbaren Menge auch Marktanteils- und Absatzverluste, die in den nächsten Jahren große Anstrengungen zur Rückeroberung verlorener Marktsegmente erfordern werden.
Fazit
Die hier vorgestellte europäische Fasswein-Preisdatei ermöglicht einen differenzierten Einblick in die Preisstrukturen und -entwicklungen auf den Fassweinmärkten verschiedener Regionen und Länder Europas. Dabei liefert die einfache grafische Zusammenstellung dieser weltweit einmaligen Datenbank wichtige erste Erkenntnisse über die Fassweinmärkte in Europa:
• Der Weinmarkt in Europa ist sehr heterogen;
• Jeder Markt hat seine eigene Dynamik, wenn er sich als eigenständig differenzieren kann und entsprechende Abfüller und Vermarktungsunternehmen findet;
• Homogenisierte Weinnachfrage (z.B. für Sektgrundweine) bewirkt eine Vernetzung der Erzeugungsregionen über Länder und große Entfernungen hinweg;
• Rebsorten haben sich in Deutschland im Fassweinmarkt als preisbeeinflussender und wichtiger herausgestellt, als Anbaugebiete (künftige g. Us);
• Die Erschließung neuer Märkte (z.B. USA) ist stärker Preis bestimmend, als die Produktionsbeschränkung (Hektarertragsbegrenzung).
Unter Einbeziehung von Produktions- und Absatzdaten ermöglicht diese Preisdatenbank weitere interessante Marktanalysen.
Forschungsanstalt Geisenheim
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