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Fachgebiet Obstbau

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Züchtung von kolumnaren Apfelsorten

Entwicklung von Wuchsformen im Erwerbsanbau

Die kolumnare Wuchsform beim Apfel wurde in den späten 1950er, Beginn der 1960er Jahre in Kanada bei der Apfelsorte ´McIntosh´ und als Mutante oder Klon nach seinem Entdecker ´McIntosh Wijcick´ genannt. Das genaue Jahr der Entdeckung ist etwas unklar, aber das große Interesse in jener Zeit an so genannten Spurtypen, d.h. schlank wachsende Typen, sorgte dafür, dass dieser Klon weiter vermehrt und in der Züchtung eingesetzt wurde. Es ist eine Spontanmutation und damit eine natürlich entstandene Baumform. Alle heute bekannten Klone/ Sorten sind durch traditionelle Kreuzungszüchtung aus dem Klon ´Wijcick´ hervorgegangen. Säulenbäume, oder kolumnare Apfelsorten, zeichnen sich durch sehr frühen Triebabschluss der Seitentriebe, sehr kurze Seitentriebe, hohe und frühe Blütenknospenbildung an den Seitentrieben und sehr kurze Internodien aus (Abb. 1).

Wenn man sich dagegen einen Apfelbaum so um den Beginn des 20. Jahrhunderts vorstellt, so war dieser oft bis zu 10 m hoch und hatte auch mal 8 - 10 m Kronendurchmesser. Die Qualität der Früchte an so einem Baum war sehr variabel. Dies war vor allem durch die sehr ungleiche Belichtung innerhalb eines Baumes und dem hohen Anteil an sehr altem Fruchtholz gegeben. Auch war der Anteil der gebildeten Trockenmasse im Laufe eines Jahres, die hinterher in den Früchten zu finden war, gering. Schätzungen liegen hier bei 15-20 % der jährlich gebildeten Trockenmasse. Der Rest wurde für das Wachstum von Blatt, Holz, Stamm und Wurzeln benötigt (Abb. 2). Hierin ist auch die relativ geringe Flächenproduktivität begründet. Durch Selektion von Schwachwuchs induzierenden Unterlagen wurden die Bäume wesentlich kleiner, wodurch gleichzeitig mehrere Ziele erreicht wurden. Die Belichtung aller Früchte war gleichmäßiger und besser, die Fruchtqualität entsprechend höher. Der Anteil der jährlich gebildeten Trockenmasse, der für das Fruchtwachstum zur Verfügung stand, war größer und damit konnten dann höhere Flächenerträge erzielt werden. Untersuchungen von Mitarbeitern von Prof. Lenz aus Bonn haben ergeben, dass hier bis zu 50% der jährlich gebildeten Trockenmasse für das Fruchtwachstum zur Verfügung steht. Dies ist im Übrigen analog zur Sortenentwicklung bei z.B. Getreide zu sehen, bei dem durch Selektion von Sorten mit kürzerem Halm die Flächenproduktivität wesentlich stieg. Drittens wurden damit auch wesentliche Fortschritte in der Produktivität der eingesetzten Arbeitskraft erzielt und der Einsatz von Arbeitskraftstunden je Hektar konnte deutlich gesenkt werden. Vor allem die letzten zwei Punkte machen die kolumnare Wuchsform beim Apfel interessant. Eine Schätzung ergibt einen Anteil von ca. 60% der gebildeten Trockenmasse, der für das Fruchtwachstum zur Verfügung steht. Genaue Messungen stehen hier aber noch aus.

Abb. 1: Fruchtholz am Stamm

Wichtig ist aber auch der deutlich geringere Bedarf an Arbeitskraftstunden. Der Schnitt entfällt zum größten Teil und die Ernte kann effektiver, d.h. schneller durchgeführt werden. Die Abhängigkeit von Saisonarbeitskräften sinkt damit deutlich und Wettbewerbsverzerrungen durch niedrigere Lohnkosten in anderen Ländern werden geringer. Diese beiden Gründe sind die wesentlichen Gründe, um mit dieser Baumform weiter zu züchten und diese dann auch im Endeffekt in den Erwerb zu bringen.

           

Abb. 2: Anteil der jährlich gebildeten Trockenmasse in den Früchten
und in den übrigen Teilen des Baumes

Eine erste aus der Züchtung entstandene Reihe waren die so genannten „Ballerina“ Sorten, die aus East Malling in England gekommen sind. Diese waren aber sehr krankheitsanfällig, wiesen eine nicht besonders gute Fruchtqualität auf und fanden darum nur wenig Anklang. Vermarktet wurden sie vor allem über Gartencenter und Baumschulen für den Hausgarten. Auf Basis dieser Bäume wird an vielen Orten auf der Welt weiter gezüchtet. In Geisenheim besteht seit dem Beginn der 1990er Jahre ein intensives Züchtungsprogramm, welches auch mit hoher Intensität weiter geführt wird. Gekreuzt und selektiert wird mit dem Ziel, für den Erwerb geeignete Sorten zu finden. Dabei werden zwei Richtungen verfolgt. Die eine zielt auf Sorten für den Tafelobstanbau, die andere auf Sorten für die Mostobstproduktion. Die wesentlichen Zuchtziele sind dabei:

-       Fruchtqualität

-       Loses Blattlaub und ausreichend Blattfläche am Kurztrieb

-       langer Fruchtstiel

-       selbst vereinzelnd

-       Resistenz (vor allem gegen Obstbaumkrebs)

-       geeignet für eine maschinelle Ernte

Die Marktanforderungen an die Fruchtqualität sind inzwischen sehr hoch und reichen neben einem sehr guten Geschmack, hoher Saftigkeit und attraktiven Aussehen (beliebt sind vor allem Sorten mit einem hohen roten Farbanteil in der Schale) auch die Lagerfähigkeit und die Beibehaltung der Fruchtqualität über die gesamte Lagerungs- und Vermarktungskette. Diese Anforderungen kann man als selbstverständlich bezeichnen.

Das lose Blattlaub, d.h. ein offenerer Baum, ist nötig, um Rückzugsgebiete für Schaderreger am Baum zu verhindern und einen effektiven Pflanzenschutz zu gewährleisten. Die Kurztriebe mit den Blütenknospen müssen so sein, dass die an den ersten Internodien befindlichen Blätter gut wachsen und über diese eine hohe Blattfläche zusammenkommt. Diese Blätter sind entscheidend für die Versorgung der Früchte.

Der lange Fruchtstiel ist ein spezielles Selektionskriterium, da es bei kurzem Fruchtstiel bei mehreren Früchten an einem Fruchtstand zum frühzeitigen Abdrücken der Früchte kommt. Die kolumnare Wuchsform bedingt, dass viele Kreuzungen einen zu kurzen Fruchtstiel aufweisen. Deshalb muss dies besonders beachtet werden.

Der sehr frühe Triebabschluss der kolumnaren Sorten bedingt eine sehr hohe Blütenqualität, die wiederum dazu führt, dass die einzelnen Blüten in einem Blütenstand oft gleichwertig sind und es damit bei guter Befruchtung zu sehr vielen Früchten in einem Blütenstand kommt. Diese führen dann zu einer sehr hohen Konkurrenzkraft gegenüber dem Triebwachstum und zur Erschöpfung der Kohlenhydratreserven nahe den Früchten. Dies wiederum verhindert eine erneute Blütenknospenbildung in diesem Stammabschnitt und begründet die extrem hohe Alternanzneigung vieler Selektionen und Sorten. Es gibt aber auch Selektionen die in einem Blütenstand selbst, vereinzeln, d.h. es entwickeln sich maximal 1 – 2 Früchte aus einem Blütenstand.

Der Resistenzzüchtung kommt ebenfalls eine sehr große Bedeutung zu. Hier ist aber nicht in erster Linie Resistenz gegen Schorf und Mehltau zu nennen. Besonders wichtig ist eine hohe Toleranz oder sogar Resistenz gegen Obstbaumkrebs (Nectria galligena), da dieser bei kolumnaren Sorten auch gerne mal die Terminalknospe befällt. Das ist bei kolumnaren Sorten besonders kritisch.

Vor allem in der Entwicklung von Mostobstsorten ist auch die Möglichkeit für eine maschinelle Ernte mit zu beachten. Die genauen Anforderungen an den Baum sind da noch unklar und werden zur Zeit in Zusammenarbeit mit Herstellern entsprechender Erntetechnik getestet und definiert.

Aus Geisenheim werden zur Zeit zwei Serien an Sorten entwickelt. Die erste ist die sogenannte „Proficats“ Serie. CATS ist dabei ein eingetragenes Markenzeichen der Forschungsanstalt Geisenheim und steht für „Columnar Apple Tree System“. Die Proficats-Serie besteht zur Zeit aus fünf Sorten und ist für den Tafelobstmarkt geeignet. Die zweite Serie ist die so genannte „Procats-Serie“, was für „Processing CATS“ steht. Diese Serie ist für den Mostobstanbau gedacht und soll die wirtschaftliche Produktion von hochwertigen Mostobstsorten standortnah bei den Mostereien und Konzentratfabriken gewährleisten. Insgesamt sind in Europa zur Zeit etwa 40 ha Versuchsanlagen mit Geisenheimer Sorten aufgepflanzt.

Autor: Prof. Dr. Peter Braun, Forschungsanstalt Geisenheim, Fachgebiet Obstbau

                                               Abb. 3: links=blühende Cats                                                                            rechts= Cats der ersten Serie (Ballerinas) mit Früchten